Der Theologe und Märchenerzähler Heinrich Dickerhoff gibt Antworten
Was Märchen und die Bibel verbindet
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Märchen und Bibel sagen uns gleichermaßen: "Steh auf, mach Dich auf den Weg!"
Herr Dickerhoff, was fasziniert Sie als Theologe an Märchen?
Zunächst, dass Märchen und Religion miteinander verwandt sind. Hier wie dort geht es um die großen Träume der Menschen. Um ihre tiefsten Wünsche und Sehnsüchte. Und in diesen Sehnsüchten können wir etwas von Gott ahnen.
Inwieweit hängen Bibeltexte und Märchengeschichten zusammen?
Die Bibel wie die Märchen behandeln ganz grundsätzliche Lebensfragen. Sie erzählen nicht unbedingt eine historische Wahrheit, die passiert ist, sondern etwas, das wir bewahren sollen. Und: Sie erzählen vor allem in Bildern. Weil das bei Märchen jedem klar ist, sind ihre Bilder oft leichter zu verstehen als die der Bibel.
Was sind die grundsätzlichen Lebensfragen, die sich sowohl im Märchen als auch in der Bibel wiederfinden?
Zunächst: Wie werde ich erwachsen und gehe meinen eigenen Weg? Dann: Wie viel Vertrauen und welche zwischenmenschlichen Beziehungen riskiere ich auf diesem Weg? Und schließlich: Wie gehe ich mit Vergänglichkeit und Abschied um?
Erwachsenwerden als Motiv in der Bibel?
Ja. Die Bibel thematisiert das nicht in dem Sinne, dass jemand volljährig wird, sondern, dass jemand lernt, eigenverantwortlich zu handeln.
Wo zum Beispiel?
Dort, wo Menschen sich auf den Weg machen. Das klingt schon in der Paradiesgeschichte an. Da steht: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Und in der Bibel sind die meisten Geschichten Weg-Geschichten – ob es im Alten Testament der Weg der Israeliten aus Ägypten ist oder im Neuen Testament der Weg Jesu nach Jerusalem.
Und im Märchen?
Auch die meisten Märchen sind Weg-Geschichten. Sie sagen: Steh auf, mach dich auf den Weg! Hans im Glück ist ein Beispiel dafür, wie es nicht geht. Hans scheitert am Erwachsenwerden.
Woran machen Sie das fest?
Zunächst hat Hans etwas gelernt und gewonnen. Aber er verjubelt alles, was er hat. Er ist naiv und unbeherrscht. Will alles sofort haben, was er sieht, obwohl er es nicht gebrauchen kann. Gibt sein Gold gegen ein Pferd, kann aber nicht reiten. Und am Ende kehrt er mittellos zurück – zur Mutter.
Er hat seinen Weg also nicht geschafft. Heißt das, er ist nicht erwachsen geworden?
Bildlich gesprochen ist er nicht erwachsen geworden, nicht selbstständig. Er kommt zurück zum Hotel Mama. Zur Erwartung: Jemand muss all meine Bedürfnisse stillen.
Welche Rolle spielt die zweite Lebensfrage, die nach den Beziehungen, die man riskiert, in der Bibel und in Märchen?
Hier geht es um mehr als das Finden eines Gegenübers. Die Hochzeit im Märchen ist nicht einfach eine Eheschließung, sondern sie ist ein Bild der Harmonie. Märchen enden oft so, dass sich zwei finden, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Ein armes Mädchen und ein reicher Prinz – die dann glücklich zusammenleben bis an ihr Ende.
Und darum – um Beziehungen – geht es auch in biblischen Texten? Also das kann man verknüpfen?
In der Bibel finden auf jeden Fall auch Menschen, die unterschiedlich sind, zusammen. Das zeigt: Liebe verbindet, bringt zusammen, ist übermächtig.
Zum Beispiel wo?
Das Neue Testament erzählt von vielen Menschen, die Jesus zusammenbringt. Im Johannesevangelium hängt Jesus am Kreuz. Darunter stehen ein Jünger, den Jesus liebt, und seine Mutter. Und das Letzte, was Jesus macht, ist: Er bringt zwei Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und die sich nicht kennen, zusammen zu einer Familie. Das war für die frühen Christen eine Mustergeschichte, eine Urerfahrung: zu sagen, wir verstehen uns als Kinder Gottes und darum als Geschwister, als Familie, obwohl wir gar nicht mit allen verwandt sind. Und das ist ein Bild, das sich auch in vielen Märchen findet.
In welchen?
Zum Beispiel in den vielen Aschenputtel-Märchen. Aschenputtel wird von allen anderen verachtet und klein gemacht. Aber es macht sich auf den Weg – auf den Weg, das Herz des Prinzen zu erobern. Und am Ende wird es zur Frau des Königssohns und gehört zur Königsfamilie.
Als dritte Lebensfrage nannten sie: Wie Abschiednehmen? Wie antworten Märchen und Bibel darauf?
Abschiednehmen heißt, sich mit der Endlichkeit zu versöhnen. Wir sind unterwegs. Oft im Raum, immer in der Zeit. Menschen sterben, Beziehungen enden, Möglichkeiten vergehen. In der Bibel heißt es, dass wir nichts festhalten können – alles ist ein Windhauch. Halte mich nicht fest, sagt der auferstandene Jesus im Johannesevangelium zu Maria Magdalena. Im Märchen begegnet uns das Abschiednehmen in Gestalt guter Väter. Die wissen, dass sie ihre Kinder loslassen, ihnen den Thron überlassen müssen. Etwa im tschechischen Märchen „Die Reise zur Sonne“.
Was vermittelt dieses Märchen zum Abschiednehmen?
Es hat ein typisches Thema: Ein Außenseiter wird in die Königsfamilie aufgenommen. In dem Fall ist es ein Küchenjunge, ein Dümmling, in den sich die Königstochter verliebt. Ihr Vater will das nicht. Er schickt den Jungen auf eine Reise zur Sonne und hofft, dass er nie mehr zurückkommt. Doch der Junge kommt zurück – und der Vater ist plötzlich weise, steigt herab von seinem Thron und segnet das junge Paar. Er räumt also seinen Platz, segnet die Nachkommen und sagt ihnen: Jetzt ist es euer Leben.
Kommen wir zu Gott und Teufel. Wie tauchen die im Märchen auf?
Gott tritt im Märchen kaum als konkrete Person auf. Wenn er auftaucht, dann eher im Hintergrund und als jemand, der Vertrauen gibt. Grundvertrauen.
In welchem Märchen treffen wir auf einen solchen Gott?
Bei Sterntaler. Das mochten meine Kinder immer sehr gerne. Da ist dieses arme Mädchen, das nichts mehr hat. Sie geht im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. Ohne Berechnung gibt sie, was sie zu geben hat. Und als die Sterne vom Himmel fallen, eigentlich ein Bild für den Weltuntergang, ist sie reich. Wenn deine Welt zusammenbricht, dann zählt nicht mehr, was du hast, sondern was du geteilt hast.
Und der Teufel, wie begegnet der uns im Märchen?
Der Teufel kommt ziemlich oft vor, aber der Märchenteufel ist nicht das, was die Bibel Teufel nennt. Er lässt sich überlisten. Der Teufel der Bibel ist hingegen eine gefährliche Macht, die uns korrumpiert, verunsichert, verführt. Die dem Teufel verwandte Schlange im Paradies bringt die Menschen gezielt mit Fragen und Halbwahrheiten zu Fall. Der Teufel im Märchen hingegen zieht immer den Kürzeren.
Wo zum Beispiel?
Beim Rumpelstilzchen. Das steht wie kaum sonst ein falscher Helfer im Märchen für den Teufel. Aber Rumpelstilzchen verrät seinen Namen, indem es ihn singt. Und das, obwohl es doch so wichtig ist, dass niemand wissen soll, wie es heißt. Das Rumpelstilzchen steht für eine innere Zerrissenheit.
Das müssen Sie genauer erklären.
Das Rumpelstilzchen bietet der Müllerstochter Hilfe an, als sie Stroh zu Gold spinnen soll, was sie natürlich nicht kann. Mithilfe des Rumpelstilzchens aber gelingt es ihr doch. Dafür fordert der Helfer erst ihren Ring und endlich ihr Kind, ihre Zukunft, ihre Seele. Doch sie verteidigt ihr Kind, entdeckt mithilfe eines Boten seinen Namen. Rumpelstilzchen zerreißt sich vor Wut und zeigt so sein teuflisches Wesen.
Diese Zerrissenheit und den Teufel – gibt’s das auch in der Bibel?
In der sind es zunächst die Dämonen, die diese innere Zerrissenheit darstellen. Sie überfallen einen Menschen, lähmen und zerreißen ihn, wie eine psychische Erkrankung oder eine Sucht. Aber das deutsche Wort Teufel kommt vom griechischen Diabolos, das auch im Neuen Testament steht, und das meint eine Kraft, die auseinanderreißt, verwirrt, Zusammenhalt zersetzt.
Welche christlichen Themen finden wir noch im Märchen?
Ich finde selbst so scheinbar schwere Themen wie Erbsünde und Dreifaltigkeit in den Bildern der Märchen.
Dreifaltigkeit im Märchen?
Dass Gott sich dem Menschen im Christentum mit drei Gesichtern zeigt – das kann man auch in Märchen finden. Vor allem in einer englischen Version von Aschenputtel, dem Lumpenkind. Es lebt in einem grauen, dunklen Schloss, zusammen mit seinem Großvater. Doch der Großvater hasst sie, da seine Tochter – die Mutter des Mädchens – bei der Geburt gestorben ist. Das Lumpenkind macht in diesem Elend drei Erfahrungen von Liebe, die mir andeuten, was Dreifaltigkeit bedeuten kann.
Nämlich welche?
Die erste Erfahrung ist, dass sie ein kleiner Gänsehirt begleitet und tröstet, wenn sie verzweifelt. Immer, wenn sie ihren Mut verliert, bestärkt sie dieser Wegbegleiter. Das ist ein schönes Bild für das, was in der Theologie der Heilige Geist bedeutet: die Kraft, die mit mir geht und mir Mut macht.
Was ist mit dem, was die Bibel unter Vater und Sohn versteht?
Das Mädchen begegnet einem Königssohn. Der sieht sie nur in Lumpen, verliebt sich gleich in sie, steigt vom Pferd und geht mit ihr. Natürlich ist dieser Königssohn nicht Jesus. Aber das ganze Evangelium erzählt von Weihnachten bis Karfreitag vom Königssohn, der herabsteigt und mitgeht und der die Schönheit aller Lumpenkinder sieht.
Heißt das übersetzt: Im Märchen wird gezeigt, dass Jesus vom Himmel herabsteigt und die Menschen in ihrer Sünde liebt?
Sünde klingt zu moralisch, aber vielleicht: der die Menschen so liebt, wie sie sind.
Okay, und was ist mit dem Vater?
Am Anfang wird das Mädchen von seinem Großvater abgelehnt. Er hasst sie. Aber am Schluss bringt der Königssohn das Aschenputtel zu seinem Vater, also zum wahren König. Und der sagt, sie sei gewiss die rechte. Er heißt sie willkommen als Braut seines Sohnes und als geliebte Tochter.
Heißt?
Das ist, was die Bibel mit dem Wort Vater meint. Der Vater ist nicht einer, der wie am Anfang des Märchens das Aschenputtel hasst. Sondern einer, der sagt: Du bist meine geliebte Tochter. Der König sagt das schon zum Lumpenkind in seiner schönen Gestalt. Das letzte Ja gilt nicht nur dem manchmal lumpigen Leben, das wir führen, sondern auch der darin oft verborgenen Schönheit.
Was fasziniert Sie an solchen Bildern?
Dass sie uns unmittelbar ansprechen, anders als ab-strakte Begriffe. Mir erklären diese drei Arten der Liebe, die das Lumpenkind erfährt, die Dreifaltigkeit jedenfalls ganz gut: Liebe, die mitgeht; Liebe, die uns annimmt, wie wir sind; Liebe, die das letzte Ja bedeutet.
Vorhin sagten Sie, dass auch die Erbsünde Einzug in die Märchen gefunden hat. Können Sie das erklären?
Zunächst ist wichtig: Erbsünde hat nichts mit Moral zu tun. Es ist nicht die Theorie, wir wären von Natur aus böse. Erbsünde heißt etwas anderes.
Nämlich?
Dass uns klar ist, dass wir nicht Gott sind. Sondern endlich und unvollkommen.
Und wie genau begegnet uns das jetzt im Märchen?
Schauen wir noch mal zum Lumpenkind und all den anderen Aschenputtels. Die werden im eigenen Elternhaus behandelt wie der letzte Dreck. Sie leben in Entfremdung: Da, wo ich hingehöre, bin ich überhaupt nicht zu Hause.
Was können wir daraus lernen?
Ich muss nicht perfekt sein, ich muss mir nicht verdienen, dass es mich gibt. Das ist auch, aber nicht nur für Kinder eine sehr wertvolle Botschaft.
Was können Gläubige heute generell noch aus Märchen lernen?
Erstens: dass man aus Krisen herauskommen kann. Das zeigen Märchen auf eine durchaus christliche Weise. Ich muss mich auf den Weg machen und ich muss erkennen, dass ich dabei mehr Unterstützung bekommen und Gnade erfahren kann, als ich ahne. Zweitens: Liebe bleibt immer bestehen, über den Tod hinaus. Drittens: Jeder Mensch hat etwas Königliches an sich. Man kann das Menschenwürde nennen, aber das ist abstrakt. Christ heißt Gesalbter; gesalbt wurden einst die Könige; christlich und märchenhaft ist das Wissen, dass jede, jeder eine unsichtbare Krone trägt. Die kann ich aber auf Dauer nur spüren, wenn ich auch die Kronen der anderen achte. Alle Menschenkinder, nicht nur die Christen, tragen diese Krone. Sind Königskinder. Kinder Gottes.

Zur Person
Heinrich Dickerhoff (72) studierte katholische Theologie und Geschichte. Anschließend war er vier Jahrzehnte lang Dozent und Pädagogischer Direktor der Katholischen Akademie Stapelfeld. Seit den frühen 1990er-Jahren wirkt er als Märchenerzähler. Von 2001 bis 2012 war er Präsident der Europäischen Märchengesellschaft.
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