Abschied, Tod und Trauer: Online-Beratung für Jugendliche

„Wie fühlst du dich heute?“

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Mädchen traurig mit Smartphone
Nachweis

Foto: istockphoto/Daisy Daisy

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Bietet Unterstützung für Jugendliche und junge Erwachsene: Das Portal da-sein.de

Wenn junge Menschen Angehörige verloren haben, wissen sie oft nicht, wohin mit ihrer Trauer. Das Team der Online-Beratung da-sein.de kümmert sich um sie. Tauscht mit ihnen E-Mails aus, nimmt Anteil, macht Mut. Eine der Beraterinnen erzählt, was ihre Arbeit bewirkt.

Meist schreiben sie sich ein oder zwei Nachrichten pro Woche: wie es bei ihm zu Hause läuft, was er erlebt hat oder welche Gedanken ihn gerade umtreiben. Christina kennt den jungen Mann seit drei Jahren. Sie weiß seinen Namen – und sie weiß von seiner großen Trauer um seine verstorbene Mutter.

Christina gehört seit fünf Jahren zum Team von da-sein.de. Die Homepage ist eine bundesweite Jugend-Onlineberatung zu den Themen Abschied, Tod und Trauer, die von der Stiftung Hospizdienst Oldenburg getragen wird. Zwölf junge Erwachsene haben regelmäßig schriftlichen Kontakt mit Teenagern und jungen Erwachsenen und begleiten sie – intensiv, persönlich und doch fast völlig anonym; deshalb darf auch Christinas vollständiger Name nicht in der Zeitung erscheinen. Sie schreiben über Krankheit, Verlust und Trauer, die sie in ihrer Familie, im Freundeskreis oder in der Schule erleben. 

Christina hat keine Angst, über Gefühle zu sprechen, Trauer oder Ratlosigkeit auszuhalten – eine Fähigkeit, die ihr hilft. Der junge Mann, den sie seit einiger Zeit begleitet, hat seine Mutter durch Suizid verloren. „Er redet mit kaum jemandem über seinen Schmerz. Wenn ich nicht da wäre und wir uns nicht darüber austauschen würden, dann hätte er vielleicht niemanden“, sagt Christina. 

„Wie schön,dass ich für diese Person da sein konnte“

Ein Punkt, um den die Gedanken des jungen Mannes immer wieder kreisten, sei die Frage, ob er etwas getan hat, das zum Suizid der Mutter führte. „Er fragt sich, ob er es hätte verhindern können oder ob er nicht gut genug war, dass sie nicht bei ihm geblieben ist“, sagt die Beraterin. In den E-Mails, die sie sich schreiben, lässt sie diese Gedanken zu. „Die Frage nach der Schuld ist für ihn eine Art von Bindung zu seiner Mutter. Weil es so starke Gefühle in ihm weckt, fühlt er sich ihr nahe.“ Sie versucht nicht, ihm das auszureden, hilft aber, die Gedankenspirale zu durchbrechen: „Ich frage dann, was seine Mutter zu solchen Gedanken wohl gesagt hätte. Ich versuche, ihm eine andere Perspektive zu zeigen.“

Das Handwerkszeug dafür hat Christina in einem umfangreichen Vorbereitungskurs sowie bei den regelmäßigen Treffen der Begleiterinnen und Begleiter gelernt. „In unserem Austausch geht es darum, Sachen noch mal aufzugreifen, zu sortieren, Gedanken zu gliedern, vielleicht auch mal nachzufragen“, sagt sie. Oft wiederholt sie Sätze in ihrer Antwort, fragt nach, ob sie das richtig verstanden hat, oder arbeitet mit Skalierungen: „Von eins bis zehn – wie gut fühlst du dich heute?“ Besonders wichtig sei es, den jungen Menschen in der Beratung zu sagen, dass ihre Gedanken und Gefühle völlig okay seien, betont Christina: „Sie brauchen die Bestätigung und den Zuspruch. Viele denken, sie seien mit ihrer Trauer und ihren Verlusterfahrungen allein oder es ginge nur ihnen so.“ Dann sei es wichtig, wenn sie schreibe: „Das ist gerade völlig in Ordnung, dass du so denkst. Ich würde an deiner Stelle auch so fühlen.“ 

Als Beraterin sei sie eine neutrale Person, „die immer ein offenes Ohr hat“, sagt sie. Denn die jungen Leute wollen mit ihren Gedanken nicht noch anderen im Freundes- oder Familienkreis zur Last fallen, die ebenfalls trauern. „Wenn er mir etwas schreibt, dann weiß er, dass ich das aushalte.“

„Die Hemmschwelle ist deutlich niedriger“

Christina glaubt, dass es jungen Leuten leichter falle, sich gegenüber Gleichaltrigen zu öffnen. „Die Hemmschwelle ist deutlich niedriger. Wir denken ähnlich, beschäftigen uns mit ähnlichen Themen.“ Die Begleitung sei auf Augenhöhe und durch den schriftlichen Austausch online niedrigschwellig: „Wir beraten und begleiten, wir ersetzen aber natürlich keine Therapie.“ Manchmal überbrücken die Beratungen die Zeit, bis ein Therapieplatz frei wird. Manchmal ermutigen die Beraterinnen und Berater, sich professionelle Hilfe zu suchen. „Für alle jungen Leute, die bei uns Kontakt suchen, sind wir ein Safe Space“, sagt Christina. „Sie vertrauen uns.“ 

Oft berühren sie die Nachrichten des jungen Mannes. „Ich nehme mir das schon alles sehr zu Herzen und ich grenze mich da auch ganz bewusst nicht vollständig von ab“, sagt sie. „Oftmals denke ich mir: Es tut mir echt wirklich leid, was er aushalten muss.“ Aber das sei für sie kein Grund, ihr Ehrenamt aufzugeben. Christina sagt: „Bei jeder Nachricht denke ich: Wie schön, dass ich jetzt gerade für diese Person da sein konnte und er sich mit den ganzen Herausforderungen nicht alleingelassen fühlen muss.“

Kerstin Ostendorf

Zur Sache

Das Portal da-sein.de unterstützt Jugendliche und junge Erwachsene online bei ihrer Trauer oder lebensbedrohlichen Erkrankung. Das Team schreibt sich mit den Hilfesuchenden E-Mails über eine sichere Plattform.