Ein Besuch im Teemuseum in Norden
Übung macht die besten "Wulkjes"

Fotos: Petra Diek-Münchow
Ein bisschen Sahne und dann gibt es wunderschöne Wölkchen, "Wulkjes" im Tee. Und bloß nicht umrühren!
Einfach mal schnell einen Beutel in einen Becher hängen – das hat so gar nichts zu tun mit einer echten ostfriesischen Teezeremonie. Findet Mirjana Ćulibrk und demonstriert im Norder Teemuseum, wie man die richtig macht. Zuerst muss die Kanne heiß ausgespült werden. Dann kommt eine kräftige Assam-Mischung hinein, etwa vier gehäufte Teelöffel für einen Liter. „Kochendes Wasser dazu, aber nur, bis die Teeblätter bedeckt sind“, sagt die junge Frau. Und füllt nach knapp vier Minuten Wasser nach. „Möchten Sie Kandis?“, fragt sie. Möchte der Gast, lässt sich den Tee einschenken und hört fasziniert, wie der Zuckerbrocken in der Tasse knackt und knistert. Mit dem Rahmlöffelchen gibt Mirjana Ćulibrk vom Rand aus Sahne dazu. Und dann steigen wunderschöne „Wulkjes“, Wölkchen, vom Grund auf. „Das braucht vielleicht ein bisschen Übung“, sagt sie schmunzelnd.
Norder Museum die Teezeremonie.
Mirjana Ćulibrk leitet das Norder Teemuseum, das jährlich gut 25000 Gäste besuchen. Viele von ihnen genießen die traditionelle Teetafel, die anderen wandern durch die fünf Gebäudekomplexe und lernen dabei viel rund um Tee. Zum Beispiel, dass in Ostfriesland schon seit 1610 Tee getrunken wird – wegen der Nähe zur niederländischen Ostindien-Kompanie. Oder auch, dass jeder Ostfriese und jede Ostfriesin im Durchschnitt pro Jahr 300 Liter des Heißgetränks konsumiert – und damit so viel wie nirgendwo anders in der Welt. Kein Wunder, dass die ostfriesische Teekultur seit 2016 als immaterielles Kulturerbe der UNESCO in Deutschland anerkannt ist.
„Man bleibt in dem Moment“
Wer noch mehr wissen will, findet im Norder Teemuseum reichlich Informationen. Da geht es in einem Raum um Anbau, Ernte und Handel. Im nächsten dreht sich alles um das Equipment für den Teetisch vom „Rohmlepel“ (Rahmlöffel) über das Stövchen bis zum feinen Porzellan. Im Obergeschoss sehen die Gäste, wie die Teekultur andernorts gepflegt wird, vom englischen „High Tea“ mit Scones über das Ritual mit grünem Tee in Japan bis zum Mate-Tee in Argentinien. Und auch, dass Doornkaat nicht nur gleichzusetzen ist mit dem Schnaps in der grünen Vierkantflasche, sehen die Besucher: Die frühere Norder Firma hatte bis in die 1990er Jahre auch Tee angeboten – den „Doka-Tee“. Gut zwei Stunden Zeit sollte man sich für den Rundgang nehmen.
Zeit ist ein Wort, das Mirjana Ćulibrk öfter benutzt. Denn auch die Teezeremonie braucht Zeit. Wenn die Museumsleiterin darüber spricht, klingt es wie eine kleine Lektion in Sachen Achtsamkeit. „Das ist eine Auszeit, man tritt aus dem Alltag heraus und bleibt in dem Moment“, sagt sie und empfindet es als Entschleunigung im durchgetakteten Stundenplan. Fast ein wenig wie eine Meditation für alle Sinne. Und die Teezeremonie ist auch ein Zeichen von guter Gastfreundschaft, „oft passiert das in geselliger Runde“. Wirklich noch so oft? Mirjana Ćulibrk nickt: „Das ist Teil unserer Kultur.“
Im April startet im Teemuseum eine Sonderausstellung, in der es mehr über Teegenuss zwischen Trend und Tradition zu erfahren gibt. Noch mehr vielleicht als über die ohnehin feinen Eigenheiten der ostfriesischen Teezeremonie. Dass zum Beispiel Umrühren verboten ist, damit man den Tee von der milden Sahne über den herben Tee bis zum süßen Kandis in drei bedächtigen Schlucken genießen kann. Und dass man am Ende den Löffel in die Tasse stellt, um zu signalisieren, dass es nun reicht. Obwohl – eine Tasse geht noch.
Das Teemuseum am Markt 36 in Norden hat ab April montags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Für die Teezeremonie wird eine Anmeldung empfohlen. Internet: www.teemuseum.de