Klimaanpassung am Beispiel Bremen

"Wir müssen unsere Routinen hinterfragen"

Image
Trinkbrunnen in Bremen-Gröpelingen
Nachweis

Foto: Stefan Wittig

Caption

Hitzewellen im Sommer plagen auch die Einwohner Bremens. Eine Maßnahme des aktuellen Hitzeaktionsplans besteht darin, mehr kostenloses Trinkwasser in der Stadt anzubieten. Wie hier im Stadtteil Gröpelingen.

Der Klimawandel ist nicht aufzuhalten, selbst wenn wir erfolgreich Klimaschutz betreiben. Die Folgen: Starkregen, Hitzewellen und langanhaltende Trockenheit. Massiv betroffen sind Großstädte. Wie trotzt zum Beispiel Bremen den Gefahren und wird widerstandsfähig? Klimaanpassungsmanager Stefan Wittig berichtet.

Die Regen- und Gewitterfront erreicht Bremen kurz vor 18 Uhr. Großflächig zieht das Unwetter im Spätsommer vergangenen Jahres über weite Teile der Stadt. Zahlreiche Keller laufen voll. Busse und Straßenbahnen müssen Umleitungen fahren, teilweise stehen Gleise und Unterführungen unter Wasser. Die Feuerwehr rückt an diesem Abend zu 400 Einsätzen aus. Innerhalb einer Stunde kommen rund 60 Liter Regen pro Quadratmeter herunter – die durchschnittliche Regenmenge eines ganzen Monats.

Bremen ist dicht bebaut, viele Flächen sind versiegelt. Das hat Folgen. In vielen Großstädten. Sie kämpfen, bedingt durch den Klimawandel, immer häufiger mit Starkregen und Überschwemmungen. Solche Wassermassen, sagt Stefan Wittig, überfordern jede Kanalisation. Deshalb kommt hier das Prinzip „Schwammstadt“ ins Spiel. An diesem – nicht ganz neuen – Konzept der Stadtplanung arbeitet Wittig. Es soll drei Probleme gleichzeitig angehen: Starkregen, Hitzewellen und andauernde Trockenheit. Die Idee dahinter ist, Regenwasser lokal zu speichern. Grünflächen und Feuchtgebiete saugen ein Zuviel an Wasser auf und speichern es wie ein Schwamm, um es in Hitzeperioden zeitverzögert wieder abzugeben. Wenn es dann über den Boden und die Vegetation verdunstet, kühlt es die Luft. Das wirkt sich positiv auf das Stadtklima aus.

Stefan Wittig
Stefan Wittig, Klimaanpassungsmanager in Bremen. Foto: Pressestelle SUKW

Stefan Wittig, studierter Biologe, ist Klimaanpassungsmanager in Bremen. Klingt sperrig. Was steckt dahinter? Er lacht. „Wir wollen ja nicht das Klima anpassen, es geht uns vielmehr darum, die Gesellschaft und die Stadtstrukturen an die Folgen des Klimawandels anzupassen.“ Klimawandel bedeutet, dass sich das globale Klima erwärmt – schleichend, unaufhaltsam. Selbst wenn wir erfolgreich Klimaschutz betreiben, schreitet er voran. Die Treibhausgase, die sich bereits in der Atmosphäre befinden, werden noch viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte wirken und unser Klima beeinflussen.

Wittig zitiert den deutschen Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, der gesagt hat: „Im Umgang mit dem Klimawandel gilt es, das Unbeherrschbare zu vermeiden und das Unvermeidbare zu beherrschen.“ Letzteres ist die Aufgabe des Klimaanpassungsmanagers. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen beobachtet er Klimadaten, wertet sie aus und leitet daraus ab, was zu tun ist, um Gesundheitsrisiken für die Menschen sowie Schäden an Infrastruktur, Straßen und Gebäuden zu vermeiden. Kurz gesagt: „Wir arbeiten daran, dass wir trotz des Klimawandels gut in Bremen leben können.“

Und vom Klimawandel ist auch die Hansestadt massiv betroffen. „Wir haben Wasser von allen Seiten“, sagt Stefan Wittig. Zum einen von der Nordsee. Sturmfluten an der Unterweser fallen stärker aus, wenn der Meeresspiegel steigt. Ein beschleunigter Anstieg ist bereits messbar an verschiedenen Pegeln im Bereich der Nordsee und der Unterwesermündung. Zum anderen liegt Bremen an einem Fluss, wo mit Binnenhochwasser zu rechnen ist. Und es gibt das Wetterextrem Starkregen. „Wir haben einen Deichring um Bremen, der Wasser effektiv von außen abhält, aber das binnenseits anfallende Niederschlagswasser nicht herauslässt“, erklärt Wittig. Das muss zukünftig vermehrt über Schöpfwerke entwässert werden.

Kühlende Orte können auch geöffnete Kirchen sein

Um die Gefahr zu minimieren, unterstützt das „Förderprogramm Schwammstadt“ Eigentümer dabei, ihre Grundstücke durchlässiger für Wasser zu machen. Denn mehr als 50 Prozent des Bremer Stadtgebiets sind in Privatbesitz. Heißt: Versiegelte Flächen werden aufgebrochen, darauf kann mehr Grün gepflanzt werden – und somit mehr Wasser versickern. Das ist sowohl bei Starkregen als auch bei Hitze hilfreich. Die Förderung gibt es beispielsweise auch, wenn Bremer Bürger das auf ihrem Grundstück anfallende Regenwasser nutzen, um Toiletten zu spülen oder den Garten zu bewässern.

Bereits jetzt aktiv ist ein Starkregen-Vorsorgeportal. Ein computergestütztes Modell berechnet genau, welche Stellen in der Stadt bei Starkregenereignissen durch Überflutung gefährdet sein können. Die Starkregenkarte zeigt, welchen Weg das Niederschlagswasser auf der Geländeoberfläche nimmt, wo es sich sammelt oder an Hindernissen aufstaut.

Fassadenbegrünung Bremen
Dächer und Fassaden begrünen: Das wirkt im Sommer kühlend. Foto: Stefan Wittig

Als Gegenstück dazu wurde im vergangenen Jahr der „Hitzeaktionsplan Bremen – Bremerhaven“ beschlossen. Er enthält Maßnahmen zur Warnung und soll vor allem gefährdete Gruppen wie Kleinkinder, Schwangere, ältere Menschen und Obdachlose vor Gesundheitsrisiken schützen. „Wir denken natürlich auch an langfristige Maßnahmen wie Kaltluftschneisen oder Dach- und Fassadenbegrünung, die in der Sommerhitze kühlend wirken“, sagt Wittig.

All das kostet Geld, aber Stefan Wittig ist überzeugt: „Auf Dauer wird es ohne Klimaanpassung teurer als mit Klimaanpassung.“ Deshalb handle es sich um eine gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe. In dem Zusammenhang erwähnt der Klimaexperte auch die Kirchen mit ihren Gemeindehäusern, Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäusern und Liegenschaften. „Ich würde mich freuen, wenn alle mitdenken und mitmachen“, sagt er. „Jeder kleine Flecken, den wir entsiegeln, wo wir einen Baum pflanzen, trägt dazu bei.“ Kühlende Orte bei Hitzewellen könnten auch geöffnete Gotteshäuser sein.

Es gehe aber auch darum, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, etwa die Nachbarschaftshilfe zu fördern – beispielsweise nach der älteren Mieterin im Dachgeschoss zu schauen, ob sie bei Hitze genug trinkt. Hierbei könnten die Kirchen eine wichtige Rolle spielen, meint Wittig. „Bei der Klimaanpassung müssen wir breit denken und viele Akteure der Zivilgesellschaft mitnehmen.“

Die Klimaanpassung sei ein weiter Weg. „Wir müssen generationenübergreifend denken, und wir dürfen auf keinen Fall aufhören, uns intensiv damit zu beschäftigen und unsere Routinen zu hinterfragen.“ Jemand, der sich so intensiv mit dem Klima der Zukunft auseinandersetzt: kann der noch Optimist sein? Stefan Wittig nickt. Und sagt: „Bei mir ist das Glas immer halb voll, sonst könnte ich meinen Job nicht machen.“

 

Anja Sabel

Zum Thema Klimaanpassung in Bremen gibt es umfangreiche Informationen. Sie finden unter anderem das Starkregen-Vorsorgeportal und den Hitzeaktionsplan.