Ordensleben heute

"Wir trauen uns mehr, Spaß zu haben"

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Nonne wird für Tiktok gefilmt
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Foto: Dorothee Fleute

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Hunderttausende von Klicks erhalten Schwester Josefine und Social-Media-Manager Urs von Wulfen mit ihren fröhlichen TikTok-Videos aus dem Benediktinerinnenkloster in Osnabrück. 

Ordensleben verändert sich. Viele Klöster passen ihre Regeln an die Zeit an. Sie setzen auf Dialog statt Strenge, Freude, Offenheit und Beteiligung statt blindem Gehorsam. Das zeigt der Blick in zwei Frauenorden im Bistum Osnabrück.

„Treiben Nonnen eigentlich Sport?“, „Machen Nonnen Urlaub?“, „Dürfen Nonnen heiraten?“ Und: „Warum tragen Nonnen eigentlich einen Schleier?“ Fragen über Fragen. Schwester Josefine wird nicht müde, sie in kurzen Videos zu beantworten. Freundlich, lebendig, offen und humorvoll berichtet die 37 Jahre alte Benediktinerin seit einigen Wochen auf der Social-Media-Plattform TikTok von ihrem Lebensalltag im Kloster der Benediktinerinnen in Osnabrück – und räumt mit Vorurteilen auf. So erfahren die User, dass die Schwestern im Kloster durchaus Sport treiben, was sie essen und lesen, dass sie zwei Wochen im Jahr Urlaub machen und dann auch ihr Gewand gegen zivile Kleidung austauschen können.

Die Videos gehen seit Wochen viral. Die Klickzahlen sind sechsstellig, die Menschen neugierig. Beim Produzieren hilft Urs von Wulfen, Social-Media-Manager beim Bistum Osnabrück, der dazu den Anstoß gab und die Videos auf dem TikTok-Kanal des Bistums veröffentlicht. Der Konvent der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament in Osnabrück ist eine kontemplativ-monastische Ordensgemeinschaft. Die derzeit 14 Schwestern leben eher zurückgezogen. Schwerpunkt des klösterlichen Lebens sind die Feier der Liturgie und die eucharistische Anbetung. Das Kloster mitten in der Stadt ist seit über 300 Jahren ein Ort der Ruhe und des Gebetes.

Was treibt die Schwestern an, jungen Menschen auf TikTok von diesem Ordensleben zu erzählen? „Es ist viel Vorurteilsabbau und auch ein wenig Spaß haben“, erzählt Schwester Josefine und schmunzelt. Soziale Medien sind für die jungen Ordensfrauen „das Medium der Zeit“. Hier wollen sie mitmischen, die Plattformen nicht den Extremisten überlassen. Schwester Josefine betont: „Wir müssen dahin gehen, wo die Menschen sind.“ Priorin Schwester Eva Maria Kreimeyer unterstützt das Projekt: „Man muss sich eher fragen, ob wir es uns leisten können, nicht auf Social Media präsent zu sein“, sagt sie.

Die Videos erreichen viele Menschen. Ziel ist es jedoch nicht, damit Nachwuchs zu generieren. „Wir versuchen vielmehr, authentisch und überzeugt zu leben. Die Menschen spüren diese innere Weite und werden davon angezogen“, sagt die Priorin. Tatsächlich erleben die Schwestern seit ein paar Jahren ein verstärktes Interesse am monastischen Ordensleben. Schwester Eva-Maria vermutet: „Unsere Angebote können Menschen anders geistlich packen.“ Die jüngste Schwester ist derzeit 32 Jahre alt, die älteste 95 Jahre. Gerade hat Schwester Josefine ihre Ewige Profess abgelegt und Melanie Schmider ihr Postulat begonnen.

Vorurteile abbauen mit TikTok-Videos

Das Klosterleben hat sich verändert, ist offener geworden. Die Videos zeigen das. Schwester Eva-Maria erklärt: „Jede Klostergeneration steht vor der Aufgabe, die uralte Ordensregel des heiligen Benedikt ins Heute zu übersetzen.“ Das Ergebnis: „Wir passen uns beweglicher an die Umstände an, sind flexibler, trauen den jungen Schwestern mehr zu. Ältere Menschen verbinden unser Kloster immer noch mit Gittern, das ist schon lange vorbei.“ Individuelle Hobbys und Interessen, Urlaub, Heimatbesuch, Kontakt zu Herkunftsfamilie oder freie Tage sind heute unkompliziert möglich, Kommunikation und der Austausch untereinander hat oberste Priorität.

Tiktok Nonne
Schwester Josefine wird nicht müde, die Fragen der jungen Menschen auf TikTok zu beantworten. 

Schwester Melanie, die seit vier Monaten im Kloster lebt, bestätigt den positiven Effekt dieser Öffnungen: „Ich schätze sehr, dass es hier so dialogisch zugeht. Ich werde gehört und gesehen, auch in meiner Individualität.“ Anders sei Klosterleben für sie nicht mehr möglich: „Wir kommen aus einem eigenständigen Leben mit Beruf, Studium und Beziehungen. Darauf muss sich die Gemeinschaft einstellen“, betont die 42-Jährige.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen – nicht nur auf TikTok. Schwester Eva-Maria blickt auf ein Klosterleben, das unter ihrer Regie bunter geworden ist: ganz konkret durch Blumen, die die gelernte Floristin Schwester Melanie liebevoll auf Tischen und Fensterbänken anrichtet, durch selbst gemalte kunstvolle Bilder, verzierte Kerzen, Handarbeiten oder den Essensduft, der durch die Flure weht, wenn Schwester Eva-Maria leidenschaftlich für die Gemeinschaft kocht. Die 54-Jährige erklärt: „Wenn man so intensiv geistlich lebt wie wir, braucht es Ausdrucksmöglichkeiten auch ganz praktisch.“ Ihr Credo dabei: „Jede Schwester soll etwas haben, was ihr wirklich Freude macht“. Die Veränderungen fasst die Priorin so zusammen: „Wir trauen uns mehr, Spaß zu haben.“

Mit Umbrüchen beschäftigt sich auch Schwester Maria Angelis als Provinzoberin der Thuiner Franziskanerinnen vom Heiligen Martyrer Georg. Im Provinzhaus in Schwagstorf bei Fürstenau verwaltet sie die deutsche Provinz St. Franziskus, zu der noch 148 Schwestern in 25 Konventen gehören. Altersdurchschnitt: gut 75 Jahre. In den letzten fünf Jahren sank die Zahl der Schwestern um ein Drittel, zwölf Konvente wurden aufgelöst. Schwester Maria Angelis führt viele Gespräche, räumt Wohnungen aus, hilft bei der Trauerbewältigung, wenn Schwestern Orte verlassen müssen.

Mit ihren 60 Jahren gehört Schwester Maria Angelis zu den jüngeren Ordensfrauen. Angst vor der Zukunft hat die Provinzoberin nicht. „Vielleicht ein wenig Sorge“, sagt sie. „Aber ich glaube fest, dass es einen anderen Weg geben wird.“ Dabei denkt sie auch international. Die Thuiner Franziskanerinnen sind ein karitativ tätiger Orden und haben Niederlassungen in Indonesien, Amerika und Japan. Gerade in Indonesien gibt es Nachwuchs. „Viele junge Frauen treten ein“, erzählt die Provinzoberin. Teilweise werden indonesische Schwestern mittlerweile auch in Europa eingesetzt.

Kleinere Gemeinschaften als Chance

Eine gute Zukunft sieht Schwester Maria Angelis auch in einer kleiner werdenden Gemeinschaft. „Es wird intensiver, konzentrierter. Wir können unsere Berufung als Ordensschwester mehr leben“, sagt sie. Früher hätten viele Schwestern Leitungsfunktionen in den großen Einrichtungen des Ordens wie Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäusern oder in der Seelsorge übernommen. Das habe belastet, Berufungen verschüttet, auch überfordert. „Wie die einzelne Ordensfrau sich gefühlt hat, darüber wurde lange Zeit nicht gesprochen. Heute schauen wir gut, wo die Schwestern mit Freude ihren Dienst versehen können.“

Transparenz und gute Kommunikation prägen heute den Umgang in ihrem Kloster. Mit ihrem Leitungsteam legt die Provinzoberin viel Wert darauf, mit den Schwestern im Gespräch zu sein, sie zu begleiten, die Provinz gut aufzustellen. Auch technisch: „Mittlerweile ist es in unseren Klöstern normal, dass wir WLAN haben, viele Schwestern haben einen Laptop und ein Smartphone. Das war vor zehn Jahren eher selten.“

Provinzoberin Thuiner Franziskanerinnen
Abschiedsreden hält die Provinzoberin der Thuiner Franziskanerinnen, Schwester Maria Angelis, häufiger - hier in Bohmte im Landkreis Osnabrück, wo Thuiner Schwestern die Gemeinde jetzt nach über 80 Jahren verlassen haben. Foto: privat

Auch Kooperationen gibt es: So leben seit 2024 zwei Thuiner Schwestern im Zisterzienserkloster in Neuzelle/Brandenburg zur geistlichen Gebetsunterstützung. Im Kloster der Herz-Jesu-Patres in Handrup/Emsland unterstützen zwei Schwestern die Patres bei der Schulpastoral und an der Klosterpforte.

Jeder Schritt wird gut durchdacht und durchgerechnet. Denn: Fehlender Nachwuchs stellt den Orden auch vor finanzielle Fragen. Schwester Maria Angelis erklärt: „Das Geld wird weniger.“ Die Trennung und Auflösung von Einrichtungen ist ein großes Aufgabenfeld. Auf die Frage, warum es keinen Nachwuchs gibt, hat Schwester Angelis nicht die eine Antwort. Sie sagt: „Das religiöse Leben hat sich verändert, die Möglichkeiten in der Welt sind vielschichtiger geworden.“ Das Projekt „Tau Time“ in Thuine für Jugendliche und junge Erwachsene ist ein Versuch des Ordens, Berufungen zu wecken.

Rausgehen, Präsenz zeigen, das ist für Schwester Maria Angelis auch bei kleiner werdenden Zahlen wichtig. So versuchen die Schwestern verstärkt, sich auf Gemeinde- oder Pfarrfesten blicken lassen. Sie sind als Lektorinnen oder Kommunionhelferinnen aktiv, machen Krankenbesuche oder Besuche in Altenheimen. Wie wichtig diese Präsenz ist, betont auch Franziska Notzon, Pastorale Koordinatorin der Pfarreiengemeinschaft Bohmte, Hunteburg, Lemförde: Mit „großem Bedauern“ mussten Gemeinde und Orden jetzt den Schwesternkonvent in Bohmte nach 80 Jahren auflösen. „Die Schwestern haben das Ortsbild positiv geprägt, bei Gläubigen und Fernstehenden“, sagt sie. Und sie hätten Spuren hinterlassen. Spuren, die bleiben werden.

Astrid Fleute