Interreligiöser Dialog
Zwei Religionen, ein Gott

Foto: Anja Sabel
Ranna El Moussaoui, hier vor dem Osnabrücker Dom, ist mit zwei Religionen aufgewachsen. Sie engagiert sich im interreligiösen Dialog.
Nicht aufzufallen, sich anzupassen: Das bekam Ranna El Moussaoui in ihrer Kindheit oft mit auf den Weg. Aber es klappte nicht immer. Und dann weinte sie, wurde traurig oder wütend – weil sie nicht aussieht wie ihre Mutter, mit blonden Haaren und grünen Augen. Weil sie ihren Vornamen nicht mochte. Warum Ranna und nicht Hanna? Vielleicht, so dachte sie damals, wäre dann kein Döner nach ihr geworfen, wäre sie nicht beleidigt, wären keine Lügen über ihre Eltern verbreitet worden. Und vielleicht hätte es auf Anhieb mit der Empfehlung fürs Gymnasium geklappt.
Heute ist Ranna El Moussaoui eine selbstbewusste und reflektierte junge Frau. Sie hat gelernt, mit Vorurteilen und rassistischen Sprüchen souverän umzugehen. Trotzdem prallen sie nicht an ihr ab. Zum Beispiel auf ihrer Wohnungssuche in Osnabrück. Als Araberin werde sie doch sicher bald heiraten und viele Kinder bekommen, dafür sei die Wohnung aber zu klein ... „Was ich mir alles anhören musste, war krass“, sagt sie und schüttelt den Kopf.
Dabei passt die 27-Jährige in keine Schublade. Geboren und aufgewachsen ist sie in Leer in Ostfriesland. Ihre Mutter: christlich. Ihr Vater, der aus dem Libanon stammt: muslimisch. Christentum und Islam existieren in der Familie, zu der noch eine Schwester gehört, friedlich nebeneinander. Wie zwei Züge, die zum selben Ziel unterwegs sind, vergleicht Ranna El Moussaoui. „Bei uns zu Hause wird der interreligiöse Austausch gelebt. Wir feiern Weihnachten, Ostern und den Ramadan. Ich war im Kindergottesdienst und auch in der Koranschule.“
Erst am Gymnasium merkte sie, dass das nicht selbstverständlich ist. „Da gab es plötzlich ein Fremdheitsgefühl, das ich so nicht kannte.“ Aufgrund ihres Aussehens und ihres arabischen Namens wird sie automatisch als Muslimin gesehen. So steht es auch im Abiturzeugnis, obwohl sie keiner Konfession angehört.
Ein gläubiger Mensch ist Ranna El Moussaoui dennoch. Sie hat Politikwissenschaft studiert und Islamische Theologie – letzteres Fach auch deshalb, weil ihr die Binnenperspektive dieser Religion wichtig ist. Der europäisch geprägte Blick auf den Islam war ihr nicht genug. Außerdem vertiefte sie ihre Kenntnisse über den interreligiösen Dialog während eines Praktikums bei Michael Schober, dem Dialogbeauftragten des Bistums Osnabrück.
Die Schubladen im Kopf sollten hin und wieder aus- und umsortiert werden
Dieses Praktikum, schwärmt Ranna El Moussaoui, sei „fast lebensverändernd“ gewesen. Schnell entwickelte sie eigene Ideen und Projekte. Sie findet, dass es im interreligiösen Dialog „noch viel Unsicherheit und wenig Wissen“ gibt. Deshalb müssten wir auf diesem Gebiet sprachfähiger werden. Als gutes Praxisbeispiel nennt sie die seit einigen Jahren etablierte Ausbildung zu christlich-muslimischen Dialogbegleitern im Bistum. Es gehe aber auch einfacher, etwa über soziale Teilhabe: Gerade junge Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen könnten sich „ganz zwanglos im Café, in einem Buchclub oder in Sportvereinen begegnen“.
Bildungsarbeit ist ihr Ding. „Das macht mir total viel Spaß“. Mittlerweile ist Ranna El Moussaoui als Studienleiterin für politische Jugendbildung im Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) in Lingen tätig, arbeitet dort mit Schulen zusammen, mit Stipendiatinnen und Stipendiaten, leitet Seminare zu Themen wie Menschenwürde, Fremdsein, Diskriminierung und „Argumentieren gegen Stammtischparolen“.
Nach wie vor verbringt sie auch Zeit als Pflegehelferin in der Akutpsychiatrie des Ameos-Klinikums. Dort hatte sie einen Bundesfreiwilligendienst absolviert, um ihr Studium zu finanzieren – und ist hängengeblieben. „Es ist eben schwer, loszulassen“, sagt sie und lächelt. Parallel macht Ranna El Moussaoui ihren Master im Studiengang „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“. Sie sieht sich in Zukunft als Brückenbauerin für Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie sie. „Ich bin heute sehr dankbar, dass ich zwei Sprachen spreche, Deutsch und Arabisch, zwei Kulturen habe, zwei Orte, die ich Zuhause nennen kann. Das ist mein größter Schatz.“
Dass Menschen Vorurteile haben, findet sie okay. „Die wird man nie ganz los.“ Es sei nur wichtig, die Schubladen hin und wieder aus- und umzusortieren oder zu schließen. Unwissenheit und Vorurteile gehen oft Hand in Hand. „Deswegen müssen wir miteinander reden, empathisch und offen füreinander sein, vor allem mit Menschen, die uns fremd sind und die uns im Alltag nicht regelmäßig begegnen.“
Und weiter sagt sie: Wenn man verinnerliche, dass man vieles über die Menschen eben nicht auf den ersten Blick wissen könne, „geht man meiner Meinung nach auch einfach ein bisschen schöner durch die Welt, weil man immer wieder überrascht wird“.
Über ihre Eltern, die ihr viele Lebensfragen beantwortet haben und die mit ihrer interreligiösen Ehe so manches Mal anecken in der Gesellschaft, spricht Ranna El Moussaoui sehr liebevoll. Das, was sie im Alltag erlebten, sei eine eigene Geschichte wert. Aber dann verrät sie doch noch ein Detail: Der Name ihrer Mutter, Elke, klingt wie das arabische Wort für Kaugummi. „Das fand mein Vater, als sie sich mit 18 Jahren kennenlernten, witzig. Noch heute erzählt er, dass er deshalb klebengeblieben ist.“