Erfahrungen aus dem Dekanatsprozess im Dekanat Twistringen

Weniger klagen, mehr mitgestalten

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Jutta Sievers
Nachweis

Foto: privat

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Gemeindereferentin Jutta Sievers hat positive Erfahrungen im Dekanatsprozess des Dekanates Twistringen gemacht. 

Sinkende Mitgliederzahlen, finanzielle Schwierigkeiten: Die katholische Kirche ist im Umbruch. Das Bistum Osnabrück reagiert mit einem Veränderungsprozess, an dem alle Dekanate beteiligt sind und in dem Ehrenamtliche ein Mitspracherecht haben. Das Dekanat Twistringen hat eine Vorreiterrolle übernommen und bereits Pläne, wie der Glaube in zehn oder 15 Jahren vor Ort noch gelebt werden kann. Davon berichtet Gemeindereferentin Jutta Sievers.

Früher war immer jemand da, der sich kümmert. Diesen Satz, so oder ähnlich, hört Gemeinde- und Dekanatsreferentin Jutta Sievers noch, aber seltener. In ihrer Pfarreiengemeinschaft Emmaus, bestehend aus fünf in der Fläche verteilten Pfarrgemeinden südlich von Bremen, spürt sie: „Das Denken verändert sich.“ Mehr Eigeninitiative ist gefragt.

Beispiel: Nach dem Tod der Vorsitzenden der katholischen Frauengemeinschaft in Weyhe lag die Seniorenarbeit brach. Bis sich eine Frau, die neu zugezogen war, nach Seniorennachmittagen erkundigte. Ja, antwortete ihr Jutta Sievers, die habe es gegeben, aber leider nehme das niemand mehr in die Hand. Die Frau überlegte: „Das kann ich doch machen.“ Gute Idee, fand Jutta Sievers. Jetzt läuft es mit den Seniorennachmittagen wieder.

Ein anderes Beispiel, kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine: Gemeindemitglieder organisierten ein Kirchencafé, damit sich Geflüchtete verabreden und treffen konnten. Jeden Montagnachmittag, auf ein Jahr begrenzt. Sie suchten sich Mitstreiter, auch kirchenferne Interessenten machten mit. „Genauso wird es auch in Zukunft sein“, erklärt Jutta Sievers. „Wir Hauptamtlichen können so etwas nicht mehr leisten, aber wenn es in den Gemeinden eine gewisse Energie gibt, fördern wir die, vernetzen Leute und schauen, dass es gelingt.“

Die Kirche ist im Umbruch, sie verliert an gesellschaftlichem Einfluss und massiv an Mitgliedern. Menschen kommen seltener in die Gottesdienste, die finanzielle Situation ist angespannt. Das Bistum Osnabrück reagiert darauf mit einem Veränderungsprozess. Das Besondere: Haupt- und Ehrenamtliche sowie alle, die am kirchlichen Leben interessiert sind, können ihn mitgestalten.

Jedes der zehn Dekanate im Bistum wird einen solchen Dekanatsprozess durchlaufen – begleitet von Fachleuten aus den Abteilungen Seelsorge, Kirchengemeinden und dem Bischöflichen Personalreferat. Sie beraten und entscheiden mit den Menschen in den Regionen, was verändert werden soll. Es geht darum, Zukunftsstrategien zu erarbeiten mit Blick auf pastorale Aufgaben, Personal, Strukturen und Gebäude – vor allem aber die Frage zu klären: Wie kann der Glaube in zehn oder 15 Jahren vor Ort noch gelebt werden? 

In Zukunft nur noch sieben hauptamtliche Stellen

Das Dekanat Twistringen hat eine Vorreiterrolle übernommen. Immerhin hat man sich dort schon vor zweieinhalb Jahren auf den Weg gemacht, als über Dekanats- und Transformationsprozesse noch gar nicht gesprochen wurde. Deshalb sind die Pläne schon sehr konkret: 

Bis 2030 und darüber hinaus wird es nur noch sieben hauptamtliche Stellen geben. Die aktuell vier Einheiten (Pfarreiengemeinschaft Emmaus, Pfarrei Twistringen mit Marhorst, Bassum und Harpstedt, Pfarreiengemeinschaft Barnstorf-Diepholz-Sulingen und Pfarrei Stolzenau mit Liebenau) werden auf drei Einheiten reduziert. Vieles spreche dafür, Stolzenau und Liebenau mit Barnstorf-Diepholz-Sulingen zu verbinden, sagt Jutta Sievers. Etwa 9000 Gemeindemitglieder und fünf Kirchstandorte – perspektivisch besetzt mit 2,5 hauptamtlichen Stellen. Eine schwierige Aufgabe. Für die Pfarreiengemeinschaft Emmaus mit etwa 7000 Gemeindemitgliedern und fünf Kirchstandorten sind zwei hauptamtliche Stellen vorgesehen – 2,5 Stellen schließlich für die Pfarrei Twistringen mit rund 7500 Gemeindemitgliedern und vier Kirchstandorten. 

Weniger pastorales Personal fordere vor allem die Ehrenamtlichen heraus, sagt Sievers. „Sie werden sich selbstständig und eigenverantwortlich um Themen, die in ihren Orten obenauf liegen, kümmern müssen.“ An vielen Orten in der Diaspora Twistringens, einem der größten Flächendekanate des Bistums, funktioniere das schon gut, bestätigt die Dekanatsreferentin. „Außerdem wir arbeiten sehr stark mit der evangelischen Kirche zusammen, denn die Werte, die wir leben, sind die gleichen.“ Zu ihrem evangelischen Kollegen in Weyhe hat Jutta Sievers einen ebenso guten Kontakt wie zur politischen Gemeinde. Es ist ihr wichtig, „dass wir als Christen wahrgenommen werden und die Gesellschaft mitgestalten“. 

Karte Dekanat Twistringen
Twistringen, eines der größten Flächendekanate im Bistum. Statt vier wird es in Zukunft wohl nur drei Einheiten geben. Die gelb und grün gefärbten Flächen bilden dann eine Einheit, mit pastoralem Schwerpunkt in Sulingen.

Auch junge Leute sind bereit, den Veränderungsprozess mitzugestalten

Das Dekanat Twistringen ist ein großes Gebilde zwischen Weser und Hunte, begrenzt durch Bremen im Norden, Wildeshausen im Westen, Nienburg im Osten und Rahden im Süden. Die meisten Kirchen wurden nach dem Krieg gebaut, zwischen Ende der 1940er Jahre und 1963. Dort leben über 20 000 Katholiken, ein großer Teil in Twistringen, katholische Enklave in einem protestantisch geprägten Gebiet. 

Umgesetzt werden die Pläne des Dekanatsprozesses – sobald alle Beteiligten zugestimmt haben – in einer ersten Phase ab 2027. Jede der drei Einheiten organisiert sich dann weitgehend selbst, auch was die Gottesdienstordnung betrifft. Sollten vor Ort und in einer Einheit wesentliche Dienste fehlen, wird auf Dekanatsebene eine Grundversorgung sichergestellt. 

Eine zweite Phase beginnt dann, wenn es irgendwann keine drei aktiven Priester für die Feier der Gottesdienste/Sakramente oder keine drei Leitungsverantwortlichen für die drei Einheiten mehr geben sollte. Auch in diesem Fall würden, so Sievers, auf Dekanatsebene Grundfunktionen sichergestellt, so dass ein Glaubensleben für die Menschen vor Ort weiter möglich sei. 

Suppe am Sonntag
"Suppe am Sonntag" in Twistringen: Aktives, selbstorganisiertes Ehrenamt wird in Zukunft wichtiger denn je sein. Foto: Pfarrei St. Anna Twistringen

Die Gesprächsatmosphäre im Dekanatsprozess, sagt Jutta Sievers, sei anfangs zurückhaltend gewesen, „weil wir uns noch nicht kannten. Später haben wir uns auf die Treffen gefreut“. Man profitiere voneinander, tausche Erfahrungen aus, etwa über Kirchenschließungen – und beobachte, dass auch junge Leute bereit seien, den Veränderungsprozess der Kirche an ihrem Ort mitzugestalten. Hilfreich, so Sievers, seien die Anregungen der Bistumsvertreter – zugleich könnten sie als Außenstehende gut bei Streit und Problemen moderieren und vermitteln. 

Hat sie Tipps für andere, deren Dekanatsprozesse gerade starten? Ja, sagt Jutta Sievers. Auch wenn nicht alles perfekt läuft: „Das Wichtigste ist, dass alle mit in das Boot einsteigen und positiv an die Sache herangehen.“ Kirche wird und muss sich verändern, sich neu aufstellen. Manches wird weniger, auf einiges muss ganz verzichtet werden – „dennoch können sich Dinge zum Guten wenden". Ihr hat gefallen, dass die Ehrenamtlichen ein echtes Mitspracherecht haben, ihre Meinung hat Gewicht. Und dass die Kommunikation stimmte: Über den Dekanatsprozess wurde in den Pfarrbriefen ausführlich informiert. Es wurde sogar eigens ein „Gebet für unsere Kirche im Dekanat Twistringen“ entwickelt, das als Flyer an die Kirchgänger verteilt wurde. 

 

Anja Sabel

Am Sonntag, 28. Juni, findet in Twistringen eine Dekanatsmesse statt, die zugleich Dekanatsjugendmesse ist. Dann wird der Abschlussbericht des Dekanatsprozesses von allen Beteiligten unterzeichnet. Anschließend ist ein Empfang.