Wie die Caritas-Mailberatung [U25] hilft

Zuhören kann Leben retten

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ein junger Mensch an einem Fenster
Nachweis

Foto: IMAGO / Bihlmayerfotografie

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Bohrende Gedanken: In existenziellen Krisen will die Suizidberatung der emsländischen Caritas jungen Leuten zur Seite stehen.

Es ist eine erschreckend hohe Zahl: Etwa 500 Jugendliche und junge Erwachsene nehmen sich in Deutschland jedes Jahr das Leben. Damit ist Suizid in dieser Altersgruppe tatsächlich die häufigste Todesart. Die Mail-Beratung [U25] der emsländischen Caritas will jungen Leuten in einer existenziellen Krise helfen – durch einen Austausch mit etwa gleichaltrigen Ehrenamtlichen.

Einer dieser Ehrenamtlichen, die bei der Caritas kurz „Peers“ heißen, ist Jonathan. Seit Sommer 2024 macht der 22-jährige Psychologiestudent bei [U25] mit – wie derzeit auch 24 andere junge Leute zwischen 16 und 27 Jahren. Einige Peers studieren Soziale Arbeit oder wie Jonathan auch Psychologie, einige gehen noch in die Schule, andere machen eine Ausbildung im sozialen oder pflegerischen Bereich oder arbeiten schon. Jonathan hat sich nicht nur aus fachlichem Interesse selbst bei der Caritas gemeldet, sondern mehr noch aus persönlichen Gründen. „Ich wollte einfach etwas Gutes tun und mit dem Ehrenamt einen Beitrag leisten.“ Zudem findet er, dass die mentale Gesundheit von jungen Leuten zwar ein „gesellschaftlich extrem relevantes Thema“ ist, aber nicht immer die notwendige Aufmerksamkeit bekommt. Und er weiß von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit psychischen Problemen, „die sich schwer damit tun, das nach außen zu kommunizieren“. Gerade auch im ländlichen Raum – weil es schambehaftet und immer noch tabuisiert ist.

14 Standorte in ganz Deutschland

Christina Jaspers nickt bei den Worten. Sie leitet den emsländischen Standort von [U25] – einer von jetzt 14 in ganz Deutschland. Seit zehn Jahren bietet die Caritas Emsland jungen Leuten in existenziellen Krisen und mit Suizidgedanken diese Hilfe an. Etwa 260 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen meist 12 und 25 Jahren haben im vergangenen Jahr die entsprechende Homepage angeklickt und eine „Helpmail“ geschrieben – auf die dann ein oder eine Peer antwortet. Sich Zeit nimmt, „zuhört“, antwortet – einfach da ist.

Wie das genau funktioniert? Die jungen Leute sitzen sich nicht etwa an einem Tisch gegenüber, sondern kommunizieren über eine Online-Beratungsplattform anonym per Mail miteinander. Es gibt auf der Internetseite einen entsprechenden Button, mit dem Hilfesuchende sich anmelden können. Niemand muss seinen realen Namen, seinen Wohnort oder andere persönliche Angaben nennen. „Man schreibt nur das, was man wirklich selbst preisgeben möchte“, sagt Jaspers. Sie glaubt, dass gerade diese anonyme Form es vielen jungen Leuten leichter macht, von ihren Problemen zu erzählen. 

Einsamkeit ist ein großes Thema

Und die sind meist ganz unterschiedlich. Mobbing, Stress in der Schule, im Studium oder im Beruf, Probleme in der Familie oder der Beziehung, Angst vor der Zukunft, Zweifel an sich selbst. Und Einsamkeit. „Das ist ein ganz großes Thema bei vielen Gesprächen“, sagt auch Jonathan. Nicht immer schreiben die Hilfesuchenden ihm das schon in der ersten Mail, sondern oft stellt sich das erst bei weiteren Kontakten heraus. Und der junge Mann liest dann nicht selten, dass manche seiner Gesprächspartner/innen niemanden oder nur wenige Menschen haben, mit denen sie ihre Sorgen teilen können. „Und bei denen es auch noch wertschätzend aufgenommen wird.“ Denn das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden oder immer gleich beurteilt oder gar verurteilt zu werden, treibt auch viele der Ratsuchenden um. Besonders, wenn es um Fragen der Identität, der sexuellen Orientierung oder der Lebensweise geht. 

Wie lange solch ein Mailkontakt dauert, ist unterschiedlich und nicht zeitlich befristet. Manchmal sind es nur vier Mails, manchmal dauert es fünf Jahre. Die Peers begleiten die jungen Leute so lange, wie die das möchten und benötigen. Einige Themen brauchen Zeit – um sich besser kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. In der Regel antworten die von Christina Jaspers stets sorgsam begleiteten Ehrenamtlichen auf die Mails innerhalb von sieben Tagen. Jonathan versucht es in einem ruhigen Moment meist schon nach einem oder zwei Tagen, „weil es einfach schön ist, wenn sie relativ schnell eine Antwort kriegen“.

Das ist immer ein Hilfeschrei

Liest er oft von Suizidgedanken in den Mails? „Ja, schon – das kommt mehr vor, als andere vielleicht denken.“ Behutsam fragt er dann nach, wie die sich äußern, ob es konkrete Pläne gibt, wie stark die jemanden am anderen Ende der digitalen Leitung gerade bewegen. Für ihn ist das immer ein Hilfeschrei, weil der junge Mensch offenbar gerade keine andere Lösung mehr sieht. Und er hofft, dass das Gespräch mit ihm zumindest hilft, diese Gedanken „’rauszulassen und vielleicht aus dem Kopf zu bekommen“. Natürlich kommt es vor, dass ein Kontakt abbricht und er nicht weiß, was passiert ist – was noch passieren wird. „Mit diesem Fragezeichen bleiben wir manchmal zurück.“ Dafür gibt es die Begleitung durch Christina Jaspers und die monatliche Supervision, den Austausch der Peers untereinander.

Und da kann er dann auch hin und wieder von Erfolgsgeschichten berichten. Von einer Ratsuchenden, die es durch den Mailkontakt geschafft hat, Hilfe bei einer Therapeutin zu finden und sich ihr mit ihren Problemen zu öffnen. „Vielleicht hat [U25] dafür die Basis gelegt.“ Und von einem anderen jungen Menschen, der ihm nach vielen Mails jetzt geschrieben hat, dass es ihm "gerade ganz gut geht und er im Moment diese Beratung nicht mehr braucht“. Solche Dankbarkeit und solche Resonanz  bestärken Jonathan und die anderen Peers in ihrer wertvollen Arbeit.

"Ein bisschen demütig"

Hat diese ihn auch persönlich verändert? Der junge Mann muss nicht lange nachdenken und nickt. Mit diesen Themen konfrontiert zu werden, so viele betroffen machende Geschichten zu lesen, sich über einen längeren Zeitraum in einer Krise auszutauschen – das lässt ihn in seinem Alltag innehalten und nach Hintergründen fragen. Das hat seinen Blick dafür geschärft, „was einigen Menschen in ihrem Leben fehlt – und was wir oft als viel zu selbstverständlich und normal wahrnehmen". Und dann wird er kurz still und nachdenklich. „Im Prinzip machen diese Erfahrungen mich ein bisschen demütig.“

Auch solche Worte bestätigen Christina Jaspers darin, wie wichtig das Projekt ist. Das bringt sie zu einem Wunsch. Denn noch immer gilt [U25] eben als „Projekt“, das derzeit „erst mal“ bis Ende 2027 finanziert ist. Aktuell wird nach ihren Worten über ein Suizidpräventionsgesetz im Bundestag diskutiert. „Wir hoffen, dass dabei auch über niedrigschwellige Suizidprävention nachgedacht und diese dann in eine Regelfinanzierung überführt wird.“

Petra Diek-Münchow

Zum zehnjährigen Bestehen von [U25] gibt es am 8. September im Meppener Kossehof, Vogelpohlstraße 3, ab 19 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema „Mentale Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen“. Zu Gast sind dabei Stephan Trillich  (Referent der Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung) und die Poetry-Slammerin aus Nordhorn, Teresa Sperling.  Bei der bundesweiten Aktionswoche für mentale Gesundheit vom 10. bis 20. Oktober unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander – für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt“ wird außerdem an der St.-Martinus-Kirche in Haren im mittleren Emsland vom 11. bis 19. Oktober eine dazu passende Lichtinstallation zu sehen sein. 

Die Caritas im Emsland sucht Ehrenamtliche zwischen 16 und 25 Jahren, die für [U25] nach einer entsprechenden Fortbildung ehrenamtlich junge Menschen in Krisen und mit Suizidgedanken per Mailberatung begleiten möchten. Weitere Infos und Kontakt: https://www.u25-emsland.de/