Kultur, Kommerz und Frömmigkeit
Der Petersdom wird 400 Jahre alt
Foto: istock
Blick auf den Petersdom – Anziehungspunkt für Katholiken aus der ganzen Welt.
Der Petersdom und die Touristen
„English?“, fragt Don Lodovico, während sein Zeigefinger über den Wartenden vor dem sechseckigen Häuschen, Typ Ticketschalter, kreist. Alle nicken, reichen ihm Rosenkränze und Weihwasserfläschchen durchs Fenster. Der Mann mit dem weißen Priesterkragen schlägt das Kreuzzeichen darüber, hebt die Arme und spricht feierlich den Segen auf Englisch. „Amen“, antworten alle. Dann ist Schichtwechsel für den Priester, der eigentlich Ludwig Kröger heißt und zu den 26 Kanonikern, dem geistlichen Personal am Petersdom, gehört. Nach zahllosen Segnungen und vielen oft anrührenden Gesprächen auf Spanisch, Englisch, Italienisch und auch einigen auf Deutsch verlässt er das Häuschen mitten in der Basilika. Muss man für diese Dienstleistungen zahlen? „Nein, der Segen ist gratis, wenn auch nicht umsonst!“, scherzt der Priester. Viele Menschen wollten im Petersdom Messen für besondere Anliegen bestellen und spendeten dafür, erläutert er; ein alter Brauch in der katholischen Kirche, aber nicht zu vergleichen mit dem Ablasshandel, durch den die Papstbasilika mitfinanziert wurde.
Viele finden den Petersdom, dieses Gold, Bronze, Stuck und Marmor gewordene Herz der Christenheit, zum Niederknien schön. Seit 400 Jahren schlägt es, mit rund 45 000 Besuchern pro Tag gerät es aber inzwischen nah an den Infarkt. Die modernen Angebote für die Touristen sind vielfältig. Etwa QR-Codes zum Verfolgen der Gottesdienste in mehreren Sprachen. Oder in einem der Kuppeltürme eine 3D-Ausstellung zur Geschichte des einstigen Fischers Simon Petrus – Ergebnis der Zusammenarbeit der Dombauhütte mit dem Unternehmen Microsoft, das 2023 mit Drohnenbildern einen digitalen Zwilling der Basilika erstellte.
Im linken Seitenschiff des Petersdoms ist ein Raum des Zuhörens. Hinter einer Spanischen Wand sitzen Ordensleute, denen man Fragen und Gedanken jedweder Art anvertrauen kann – eine zeitgemäße Ergänzung zum vielsprachigen Beichtangebot nahe dem Bronzebaldachin. Samstags um 16 Uhr gibt es am Cathedra-Altar ein halbstündiges kostenloses Chor- oder Orgelkonzert. Und samstagabends lädt die Basilika zur Eucharistischen Anbetung – in der spärlich beleuchteten Kirche eine Andacht mit besonderer Atmosphäre.
Andenkenladen und Bar auf dem Dach
Urheber solcher Initiativen ist Kardinal Mauro Gambetti, der Hausherr des Petersdoms. Doch mit seiner Umtriebigkeit macht sich der Franziskaner, den Papst Franziskus eigens aus Assisi holte, nicht nur Freunde; vielleicht hat ihn Papst Leo deshalb gerade als Bischof in ein kleines Bistum versetzt. Seit Jahren gibt es auf dem Dach des Petersdoms einen Andenkenladen und eine kleine Bar, in der man nach dem Aufstieg zur Kuppel eine Stärkung zu sich nehmen kann. Dass sie jetzt erweitert wird, hat laut Dombauhütte vor allem Sicherheitsgründe: Um die vielen Besucher besser zu verteilen, wird die Terrasse künftig komplett genutzt, auch für neue Ausstellungsflächen und weitere Toiletten. Überhaupt müssen die Menschen-massen kanalisiert und austariert werden. Denn wegen ihres uneinheitlichen Untergrunds ist die Peterskirche besonders gefährdet: Allzu große Unwuchten können Risse verursachen. Zudem liegt Rom am Rand sehr aktiver Erdbebenregionen. Seit einem Jahr informiert ein digitales Monitoringsystem über jede seismische Bewegung im Erdreich und jede bedrohliche Veränderung in der Statik. Aber es geht den Hausherrn auch um den spirituellen Charakter des Touristenmagneten, der seit 1984 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Im Heiligen Jahr 2025 besuchten rund 20 Millionen Menschen den Petersdom, etwa 200 000 von ihnen legten die Beichte ab.
Sabine Kleyboldt
Der Petersdom und Michelangelo
Michelangelo Buonarroti ist 21, als er nach Rom kommt. Auch, weil ihn die Kunstwerke locken, vor allem die griechischen Skulpturen, die gerade hoch im Kurs stehen. Und so bildhauert er als Erstes einen heidnischen Bacchus, den er gut verkauft. Ein Folgeauftrag kommt sofort: eine Pietà für einen französischen Kardinal, der wohl hofft, ein Schnäppchen bei dem neuen jungen Künstler zu machen. Das Ergebnis ist aufsehenerregend: Eine noch junge Maria hält den toten Jesus auf dem Schoß. Die Pietà findet in der damaligen, ziemlich abgewrackten alten Peterskirche ihren Platz – und viel Bewunderung. Auch Michelangelo selbst geht immer wieder dorthin. Der Legende nach soll er dabei einmal gehört haben, wie Pilger die Statue seinem Konkurrenten Solari zuschrieben. Voller Wut, so heißt es, habe Michelangelo Werkzeug geholt und einen Satz in den Brustgurt Mariens gemeißelt: MICHELANGELUS BUONAROTUS FLORENT FACIBAT – Michelangelo Buonarroti aus Florenz hat das geschaffen. Egal, ob die Legende stimmt: Die Pietà ist das einzige Kunstwerk, das vom Meister signiert worden ist. Und sie ist – nachdem sie auch im neuen Petersdom aufgestellt wurde – bis heute eines der meistbestaunten Objekte.
Insgesamt enttäuscht Rom den jungen Künstler jedoch und er kehrt in seine Heimatstadt Florenz zurück. Der monumentale David entsteht dort, der ihm Ruhm einbringt. Auch in Rom hört man von seinem Ruf als vielseitigster und genialster Künstler seiner Zeit. Und für wen hat der beste Mann zu arbeiten? Für den Papst! Das ist inzwischen der ehrgeizige Julius II. Er holt die besten Baumeister und Künstler. Sie sollen die antiken Stätten restaurieren und vor allem einen neuen Petersdom bauen. Auch Michelangelo wird gerufen. Eigentlich will er nicht, aber „wenn der Papst ruft, muss man gehen“, sagt der oberste Ratsherr in Florenz. „Lass unsere Aufträge liegen – wir wollen uns den Papst nicht zum Feind machen.“
Der Auftrag von Julius II. ist riesig: ein Grabmal, drei Stockwerke hoch, mit 40 mannshohen Skulpturen aus Marmor. Es soll ein Blickfang im neuen Petersdom werden – auch deshalb wird er überhaupt gebaut. Doch das Projekt verzögert sich. Denn kaum hat Michelangelo begonnen, kommt Julius eine neue Idee: Die Decke der Sixtinischen Kapelle, gleich neben dem gerade begonnenen Neubau, braucht eine Neubemalung.
Baumeister im Rentenalter
Das Problem: Michelangelo hasst Freskenmalerei. Und außerdem: Wer achtet schon auf die Decke hoch oben? Damit kann man keinen Ruhm ernten. Aber wenn der Papst ruft, muss man folgen. Und wenn er schon malen muss, dann richtig. Michelangelo entwickelt ein aufwendiges Konzept. Vier lange Jahre quält er sich damit, einsam, den Kopf im Nacken oder auf dem Rücken liegend, auf einem selbstgebauten Gerüst. Dutzende Szenen aus dem Alten Testament malt er. Die berühmteste ist sicher die Erschaffung des Adam: Wie Gott seinen Finger ausstreckt, den Finger des Adam berührt und ihm Leben einhaucht. Eva liegt in Gottes anderem Arm und schaut ihren Zukünftigen neugierig an. „Je besser einer ist, desto mehr muss er leiden“, hat Michelangelo mal gesagt und vielleicht diese Jahre gemeint. Währenddessen geht der Neubau des Petersdoms unter der Leitung von Donato Bramante weiter. Doch als 1513 Julius stirbt und 1514 Bramante, gerät alles ins Stocken. Entwürfe und Baumeister kommen und gehen. Bis Papst Paul III. die entscheidende Idee hat: Der geniale Michelangelo soll es richten. 1547, im Alter von 72 Jahren, übernimmt er die Bauleitung. Anknüpfend an Bramante, entwirft er einen Zentralbau mit vier Apsiden. Und als Höhepunkt plant er eine monumentale Kuppel.
Doch als ob es nicht genug wäre, sich in Architektur und Statik einzuarbeiten, kommt ein neuer Auftrag: Er soll die Sixtina weiter ausmalen. Michelangelo zerreißt sich zwischen dem „Jüngsten Gericht“ mit seinen 390 Figuren und der Baustelle Petersdom. Als er 1564 an einem Schlaganfall stirbt, steckt er mitten in der Arbeit. Die Fertigstellung der Kuppel erlebt er nicht mehr. Und die Weihe des Petersdoms 1626 schon gar nicht. Den-noch wird er durch seine Kunst für immer mit diesem Ort verbunden sein. Michelangelo dichtete einmal: Ihr glaubt mich tot, doch dass die Welt ich tröste, leb ich mit tausend Seelen dort, an diesem wunderbaren Ort. Nein, ich ging nicht fort, Unsterblichkeit vom Tode mich erlöste.
Susanne Haverkamp
Der Petersdom und die Päpste
Es wird gedrängelt im Untergeschoss des Petersdoms. Pilger aus aller Welt schieben sich an den Gräbern der Päpste vorbei. Erst 2025, pünktlich zum Heiligen Jahr, wurden die vatikanischen Grotten restauriert. Dezent beleuchtet, führt der Weg nun durch die alten Gewölbe. Pius XI., Paul VI., Johannes Paul I. – sie alle liegen hier. Besonders voll ist es vor dem Grab von Benedikt XVI. Es wird gekniet, gebetet, fotografiert. Benedikt hatte sich gewünscht, genau an der Stelle zu liegen, wo vorher Johannes Paul II. geruht hat, dem er über Jahrzehnte nahestand. 2011, unmittelbar nach seiner Seligsprechung, hat der polnische Papst den Platz freigemacht: Er wurde in die Kapelle San Sebastiano überführt, direkt neben Michelangelos Pietà.
Viel ruhiger ist es an dem Ort, der der Ursprung der Peterskirche ist: tief unten am Grab des heiligen Petrus. Seit dem 2. Jahrhundert wird von den ersten Christen eine Stelle auf dem Mons Vaticanus verehrt, wo Petrus nach seinem Märtyrertod beigesetzt worden sein soll. Papst Silvester I. kam es zu, die erste Peterskirche 326 einzuweihen. Auch die hatte für die damalige Zeit schon monumentale Ausmaße.
Prachtbau für die Päpste
Die folgenden Jahrhunderte meinten es allerdings nicht gut mit dem Bau. Kriege und Invasionen, aber auch der Zahn der Zeit setzen ihm zu. So war „Alt Sankt Peter“ zur Zeit der Renaissance ziemlich heruntergekommen – so heruntergekommen, dass Papst Julius II. keine Zukunft für ihn sah und 1506 den Grundstein für den neuen, den heutigen Petersdom legte. An Julius II. erkennt man aber auch: Die Kirche war nie nur Lob Gottes, sondern auch Prachtbau für die Päpste. Denn der letzte Anstoß für den Neubau war das geplante riesige Grabmal für Julius II. selbst, das einen angemessenen Ort brauchte. Randnotiz der Geschichte: Das letztlich sehr abgespeckte Grabmal hat nie in den Petersdom hineingefunden; es steht jetzt in San Pietro in Vincoli in der Nähe des Kolosseums.
Ein weiterer wichtiger Papst in der Geschichte des Petersdoms ist Urban VIII. In seiner Zeit war die Basilika so weit fertig, dass er sie am 18. November 1626 weihen konnte. Fertig war sie deshalb noch lange nicht. Für die weiteren Arbeiten engagierte der Papst Gian Lorenzo Bernini. Unter dessen Leitung entstand bis 1635 der knapp 29 Meter hohe bronzene Baldachin über dem Petrusgrab und der riesige, in die Höhe ragende Papstaltar. Wer jemals davor stand, mag sich gefragt haben, ob ein Mensch so groß sein kann, um diesem Bauwerk gerecht zu werden. Oder ob da menschliche Hybris am Werk war.
Der Petersdom hat seinen Namen, weil er über dem Grab des heiligen Petrus steht. Aber stimmt das auch? „Ja! Das Grab des Apostelfürsten ist wiedergefunden worden“, befand Papst Pius XII. Am Ende des Heiligen Jahres 1950 überraschte er die Weltöffentlichkeit mit dem Abschlussbericht der Ausgrabungen unter dem Petersdom. Zehn Jahre lang hatten Archäologen in seinem Auftrag neun Meter unter dem Papstaltar nach Beweisen dafür geforscht, dass Petrus wirklich hier seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Und sie bestätigten es. Weshalb Pius XII. die Ehre hat, ganz in der Nähe des Petrusgrabs bestattet zu sein.
Zweifel am Petrusgrab verstummten nie
Allerdings verstummten die Zweifel an der Echtheit des Petrusgrabs nur für ein paar Jahrzehnte. Immer wieder wird mit neuen technischen Verfahren untersucht. Letztlich bleibt das Ergebnis offen: Ja, die Gräber dort unten in den Tiefen des Petersdoms stammen aus frühchristlicher Zeit. Aber welche Knochen Petrus gehörten, dafür gibt es keine DNA-Beweise. Wie auch? Den meisten Besuchern ist das aber egal. Dass hier seit 1900 Jahren das Grab des Petrus verehrt wird und Glaube, Hoffnung und Liebe geteilt werden – das ist es, was zählt.
Und dann ist da noch Papst Franziskus. Er wollte ausdrücklich nicht im Petersdom beigesetzt werden. Doch der Grund, den er nannte, war nicht sein Unbehagen angesichts all des Pomps und Prunks, den die Kirche ausstrahlt. Sein Grund war die Liebe zur in Santa Maria Maggiore verehrten Marienikone „Salus Populi Romani“. Über hundert Mal hat er sie besucht und besonders vor und nach Reisen hier gebetet. Deshalb sollte hier bei Maria und nicht bei Petrus seine irdische Reise enden.