Die große Osnabrücker Telgter Wallfahrt startet am 11. Juli zum 174. Mal
Mit Gott im Rucksack
Foto: Archiv
Mit etwa 5000 Pilgern ist die Osnabrücker Telgter Wallfahrt nach wie vor eine der größten Fußwallfahrten im norddeutschen Raum.
Was ist das Besondere an Wallfahrten? Was macht sie aus?
Das Besondere an Wallfahrten ist, dass Menschen gemeinsam unterwegs sind. Sie haben ein Ziel vor Augen, viele haben auch Gebetsanliegen, die sie mitnehmen. Oft macht man als Pilger tolle Naturerfahrungen. Man ist in der Natur unterwegs und auch dem Wetter ausgesetzt.
Wie muss ich mir das Wallfahren vorstellen? Wie läuft das ab? Wie ist man da unterwegs?
Die Osnabrücker Telgter Wallfahrt beginnt mitten in der Nacht, und zwar an verschiedenen Orten. Sankt Johann in Osnabrück ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Viele aus dem Norden, aus Bohmte, Osterkappeln oder Wallenhorst kommen nach Osnabrück, um hier zu starten. Die Pilger aus dem Südkreis, Borgloh, Wellingholzhausen, Hagen, Gellenbeck und so weiter, die starten in ihren Orten. Es beginnt häufig mit der Feier eines Gottesdienstes in der jeweiligen Kirche und dann geht's los. In der Nacht, drei Uhr vielerorts. Zu Fuß, singend und betend. Viele sagen, diese ganz frühen Stunden sind besonders schön. Man läuft so in den Morgen hinein.
Unterwegs wird die Wallfahrtgruppe immer größer. Von den verschiedenen Orten kommen immer mehr zu dem Hauptstrom dazu, sodass spätestens in Glandorf ganz, ganz viele zusammen sind. Dann geht's in der ganz großen Gruppe weiter. Ein wichtiger Standort unterwegs ist auch Oedingberge mit einer großen Predigt. Da ist ein wunderschöner Platz, wo man im Freien sitzt. Da merken wir, wie viele Leute wir sind. Von da geht es dann weiter nach Telgte.
Das hört sich sehr anspruchsvoll an, auch körperlich.
Es ist körperlich eine große Herausforderung. Für viele gehört es aber auch dazu, wirklich körperlich kaputt zu sein. Wer den ganzen Weg geht, 48 Kilometer ein Weg, der spürt das. Die Gruppe trägt sich. Es ist ein Beten mit Leib und Seele. Aber es sind Begleitfahrzeuge dabei. Das heißt, wenn einer nicht mehr kann, kann er sich ein Stück mitnehmen lassen. Manche gehen auch nicht von Anfang an mit, sondern steigen in Glandorf ein. Es ist sicher gut zu überlegen: Wie viel darf ich mir zumuten? Was kann ich körperlich leisten?
Wer geht denn so mit?
Die Gruppe ist sehr unterschiedlich. Es sind verschiedene Lebensalter: Jüngere, Ältere, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren. Manche Pilger leben ganz mit der Kirchengemeinde und haben da im Laufe des Kirchenjahres auch Aufgaben. Manche haben eine eher lose Beziehung zur Kirchengemeinde, aber bei der Telgter Wallfahrt sind sie jedes Jahr dabei. Das ist ihre Form, Kirchlichkeit zu leben. Und dann gibt es die Suchenden, die angesprochen sind davon, dass sich so viele auf den Weg machen, dass sie die Natur ganz besonders erleben können.
Schön ist auch der ökumenische Charakter dieser Wallfahrt. Es sind ganz viele, die als Gemeinschaften, als Clique, als Verein oder als Familien unterwegs sind. Diese Vielfalt ist einfach großartig. Eine wachsende Gruppe ist auch die Gruppe der Radpilger. Sie fahren parallel zur Fußwallfahrt mit dem Rad nach Telgte und stehen dann dort, wenn die Fußpilger einziehen.
Charakteristisch für die Telgter Wallfahrt ist auch, dass Menschen sagen, ich gehe diesen Weg auch für andere. Was bedeutet das?
Die Gruppe setzt sich aus unterschiedlichen Leuten zusammen und gedanktlich sind noch viel mehr unterwegs, weil ganz viele Gebetsanliegen mitnehmen. Entweder Personen, die krank sind und nicht mitgehen können oder ein besonderes Anliegen, das ihnen wichtig ist. Im Augenblick spüre ich ganz deutlich, dass viele sagen: „Ich will um den Frieden beten." Das ist so ein drängendes Anliegen. Also ganz viele haben ein Anliegen, das sie mitnehmen auf diesem Weg nach Telgte.
Ein anderer Aspekt ist die Gemeinschaftserfahrung ...
Viele erleben in ihren Kirchen, dass sie eher allein sind. Das ist bei der Wallfahrt ganz anders. Da kommt eine große Gruppe zusammen und sie spüren, wir sind gemeinsam unterwegs. Das Beten und Singen macht unheimlich viel Freude. Und wenn man in Telgte dann der Kirche ist, wenn man das erreicht hat, da geht die Decke hoch beim gemeinsamen Singen. So kräftig ist das. Und das macht natürlich auch viel Freude und ist ein besonderes Erlebnis von Gemeinschaft als singende und betende Gruppe.
Also ist Wallfahren nicht nur alt, verstaubt, traditionell, wie viele Menschen denken. Sondern es ist etwas, was auch heute noch Menschen etwas geben kann?
Auf jeden Fall. „Verändert bleiben“ - dieses Leitwort des Bistums könnten wir auch über die Wallfahrt schreiben. Das ist dieses Jahr die 174. Wallfahrt nach Telgte, also eine lange, lange Tradition. Vieles ist gleichgeblieben: Der Ausgangspunkt an den Kirchenorten, der Ablauf und so weiter. Das ist den Menschen auch wichtig. Aber es hat sich auch viel verändert. Jetzt ist es für uns mittlerweile selbstverständlich, dass auch Frauen in Gottesdiensten die Verkündigung übernehmen, dass Erstkommunionkinder besonders berücksichtigt werden. Die Gebetsordnung wird immer ein wenig angepasst. Was besonders ist: diese Veränderungen kommen immer von der Basis. Ich als geistlicher Leiter dieser Wallfahrt kann Impulse geben, aber die Gruppe selbst entscheidet, wie sich die Wallfahrt auch verändert. Und das ist ein unheimlicher Reichtum, dass sich etwas verändert, die Veränderungen aber von der Basis kommen, von den Ehrenamtlichen, die ja auch die Basis unserer Kirche sind.
Das Leitwort der Wallfahrten in Norddeutschland lautet dieses Jahr „Raum geben“. Was soll uns das sagen? Wem oder was gebendie Wallfahrer Raum?
In diesem Jahr ist das Leitwort „Raum geben“. Ich denke dabei daran, Gott Raum zu geben in meinem Leben, anderen Menschen Raum zu geben in meinem Leben, auch in der Kirche, dass wir unsere Kreise nicht zu eng ziehen. Ich finde es auch wichtig mit Blick auf die Gesellschaft: Raum geben anderen, die suchen, oder auch Menschen, die aus der Ferne zu uns kommen, weil sie geflüchtet sind und eine neue Heimat suchen. Raum geben und das alles noch mal einmal vor dem Angesicht Gottes. Ich finde, das ist ein wunderbares Leitwort.
Interview: Ruth Beerbom/Astrid Fleute
Weitere Informationen zur Telgter Wallfahrt finden Sie hier.
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